Esel

Hallo,
mein Name ist Benjamin.

Benjamin so hieß der jüngste der zwölf Söhne Jakobs.

Ich heiße erst seit wenigen Tagen so. Benjamin, so nennt mich Maria, die Frau, mit der ich zusammen auf dem Weg nach Bethlehem bin.

Bis vor acht Tagen nannte jeder mich nur חֲמוֹר – Schamor, das ist hebräisch und heißt einfach nur ESEL.

Ich komme aus Nazareth und dort habe ich mit vielen anderen Eseln in einem Stall gelebt. Unser Besitzer Nathanael verleiht Esel, wenn jemand schwere Lasten transportieren muss und nicht genügend eigene Esel hat. Ich kann ganz ordentliche Lasten tragen, ich bin stark. Aber mein Besitzer fand, dass ich nicht ausdauernd genug für weite Strecken bin. Also wurde ich nur für Wege in Nazareth ausgeliehen. Ich hatte kein schlechtes Leben. Die Arbeit war in Ordnung und zu Fressen gab es ausreichend. Ansonsten ließ man mich in Ruhe. Aber es war auch ein sehr langweiliges und eintöniges Leben. Tag ein, Tag aus die staubigen Gassen von Nazareth. Irgendwann entdeckt man keine neuen Winkel und Ecken mehr.

Mit dem langweiligen Trott ist es seit acht Tagen vorbei. Jeden Tag gehe ich jetzt einen mir unbekannten Weg und weiß nicht, was hinter der nächsten Kurve auf mich wartet.

Du bist neugierig, wie es dazu kam? Also höre zu:

Vor acht Tagen kam der Zimmermann aus der Nachbarschaft und bat meinen Besitzer ihm einen Esel zu vermieten. Er müsse mit seiner Verlobten nach Betlehem reisen, da sie sich dort in die Steuerlisten des Kaisers eintragen müssten. Sein eigener Esel sei zu alt für diese Reise. Hätte der Mann einen Blick in den Stall geworfen, dann wäre ihm aufgefallen, dass er viel zu spät nach einem Mietesel Ausschau hielt. Seit Tagen kamen Menschen und mieteten Esel. Alle machten sich auf den Weg in ihrer Heimatstadt, um dem Befehl des Kaisers zu gehorchen. Zurückgeblieben war nur ich. Ich bekam langsam eine Depression – so allein im Stall.

Nathanael erklärte Josef, so heißt der Zimmermann, dass er nur noch einen einzigen Esel habe, der aber für so eine weite Reise ungeeignet sei. Ich hörte Josef seufzen und sagen, dass er mich trotzdem mieten wolle. Als ich das hörte kribbele es in meinem Bauch und ich war ganz aufgeregt. Hoffentlich stimmte mein Besitzer zu, dann käme ich hier aus dem Stall raus und könnte endlich andere Wege als die in Nazareth sehen. Vermieten wollte mich mein Besitzer nicht, ihm war das Risiko zu groß, dass ich den Weg nicht schaffen könnte und sich Josef dann bei ihm beschweren würde. Josef seufzte noch einmal und bot dann an, mich zu kaufen. Ich hatte also einen neuen Besitzer.

Josef nahm mich mit und in seinem Stall traf ich Aron, seinen Esel. Aron ist wirklich schon sehr alt, er kennt Josef seit dieser ein Kind war. Ihr müsst wissen wir Esel werden fast so alt wie ihr Menschen. Aron erzählte mir, dass er Maria vor einigen Monaten zu ihrer Cousine Elisabeth getragen habe. Diese Reise habe ihn sehr angestrengt und deshalb wolle Josef ihn jetzt nicht mitnehmen. Ich weiß nicht, ob Aron darüber traurig oder froh war, er ließ sich nichts anmerken.

Aber er redete mir ins Gewissen. Ich solle mich anstrengen und langsam und bedächtig gehen, damit es Maria auf meinem Rücken nicht zu ungemütlich werde. Ich solle ruhig einen Schritt nach dem anderen machen, dann sei der Weg nach Betlehem nichts anderes als wenn ich jeden Tag durch Nazareth laufen würde. Und ich solle nicht störrisch sein sondern tun, was Josef und Maria mir sagen. Er erzählte mir, dass Maria ein Kind bekommen würde – schon sehr bald. Es sein eigentlich unerhört, dass eine so schwangere Frau sich auf deine mehrtägige Reise begeben müsste.

Kurze Zeit nachdem ich bei Josef eingezogen war, kam Maria. Ich war erstaunt wie jung sie noch ist. Ganz langsam kam sie mit ihrem dicken Bauch auf mich zu und kraulte mich zwischen den Ohren. Oh das tat gut, kann ich Dir sagen.

Sie sagte: „Ich heiße dich herzlich willkommen kleiner Esel“ und „Du brauchst einen Namen, dass du ein Esel bist sieht ja jeder.“ Sie schwieg eine Weile und sagte dann: „ Wie gefällt dir Benjamin? Du bist jetzt das jüngste Mitglied in unserem Hausstand, ich finde der Name passt zu dir.“ Ich nickte und ließ ein lautes IAAH von mir hören. Ob Maria verstand, dass ich ihr zustimmte?

In der Nacht vor unserem Aufbruch erzählte Aron mir von Josef und Maria und auf was ich auf der Reise aufpassen müsse. Er ist wirklich sehr klug. Esel sind nämlich gar nicht so dumm, wie ihr Menschen immer glaubt. Manche von uns sind nur weniger schlau.

Jetzt sind wir seit fünf Tagen unterwegs und noch immer nicht angekommen. Eigentlich dauert die Reise von Nazareth nach Betlehem fünf Tage. Aber wir kommen nur langsam voran. Nein das liegt nicht an mir! Maria fällt die Reise schwer, obwohl ich mich sehr bemühe, langsam und gleichmäßig zu laufen, damit sie bequem auf mir reiten kann. Wir machen deshalb nicht nur nachts eine Pause, sondern auch mehrmals über den Tag verteilt, damit sich Maria ausruhen kann. Wenn Josef glaubt Maria könne es nicht sehen, da hat er Sorgenfalten im Gesicht. Sicher hat er Angst, dass das Kind unterwegs zur Welt kommen könnte. Aber er sagt nichts, er will Maria bestimmt nicht beunruhigen.

Ansonsten ist unsere Reise bisher eigentlich recht kurzweilig. Maria singt oft, sie hat eine sehr schöne Stimme. Und Josef und Maria sprechen über allerlei. Darüber wie es war, als sie noch nicht zusammen wohnten, über Familienmitglieder und immer wieder über ihr ungeborenes Kind. Ich merke, wie sehr sie es bereits lieben. Sie sind sich sicher, dass sie einen Sohn bekommen. Und manchmal sprechen sie davon, dass dieses Kind der Sohn Gottes sei und Gott sie sicher nach Betlehem begleiten werde.

Ein Menschenkind soll der Sohn Gottes sein? So richtig verstehe ich nicht was die beiden da erzählen, dazu bin ich wohl doch nicht klug genug. Für Maria und Josef ist das aber ganz normal. Sie sprechen von dem Kind und sind so voller Liebe und Zuversicht, dass sogar ich dies spüre. Ganz warm wird es mir ums Herz und ich weiß gar nicht warum.

Oh, Josef ruft, unsere Rast ist zu Ende, wir werden weitergehen. Wenn Josef Recht hat, dann brauchen wir noch zwei Tage.

Wünsch uns Glück, dass wir keinen Räubern oder wilden Tieren begegnen.
Aber halt, das brauchst Du gar nicht, Gott geht mit uns, da kann uns nichts Böses geschehen.

Schalom, der Friede sei mit Dir.

Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.

Wiltrud Siepenkothen