Maria und Elisabeth

Oh, was sieht mein Hühnerauge denn da? Kommt da nicht jemand den Weg zum Haus herauf? Oder täusche ich mich? Nein, wenn ich beide Augen ganz fest zusammenkneife und mich anstrenge, dann kann sogar ich kurzsichtiges Huhn erkennen, dass sich da jemand nähert. Zacharias ist es nicht. Der ist viel größer und er geht langsamer. Er ist ja auch schon nicht mehr der Jüngste. Elisabeth ist es auch nicht. Die ist viel runder. Mittlerweile kann selbst ich erkennen, dass sie bald ein Baby bekommen wird. Keiner meiner Leute, bedeutet Besuch. Und Besuch bedeutet Lebensgefahr! Natürlich nur dann, wenn Elisabeth ihren Besuch mit Hühnersuppe verwöhnen möchte. Darauf werde ich es aber auf gar keinen Fall ankommen lassen. Okay, jetzt heißt es die Nerven bewahren. Keine Panik! Ganz cool und abgebrüht – kein gutes Wort in dieser Situation – ganz cool über den Hof laufen und schnell ein gutes Versteck suchen. Schnell, schnell, schnell – durch die Hecke, hinter dem Olivenbaum links unter den großen Busch. Geschafft. Hier bin ich gut versteckt und kann aus sicherer Entfernung einen Blick auf unseren Besucher werfen. So jetzt noch den Hals ein bisschen recken – Moment – und die Sicht ist frei!
Na so was, das ist ja Maria! Die hat uns schon eine Ewigkeit nicht mehr besucht. Maria bedeutet übrigens keine Gefahr. Sie mag keine Hühnersuppe. Außerdem findet Elisabeth keine Zeit zum Kochen, wenn die beiden Frauengespräche führen.
Ich kann mich also getrost entspannen. Okay, dann mal raus aus dem Versteck, hinter dem Olivenbaum rechts ab, durch die Hecke und jetzt ganz cool über den Hof laufen und direkt neben den beiden Frauen eifrig nach Würmern suchen. So werde ich keine der Neuigkeiten verpassen, die sich die beiden zu erzählen haben.

„Maria, wie schön dich zu sehen.“
„Elisabeth, gut siehst du aus. Jetzt sieht man, dass du bald ein Kind bekommen wirst.“
„Ja, der kleine Mann ist in den letzten Wochen ganz schön gewachsen. Und ich kann schon ganz deutlich spüren, wenn der Kleine sich in mir wohlig reckt und streckt. Es ist einfach wunderbar, das neue Leben in mir zu spüren.
Aber jetzt lass dich erst einmal umarmen, Maria.
Oh, hast du das gespürt? Das Kind in meinem Bauch hüpft vor Freude, weil es dich und dein Kind in seiner Nähe spürt. Du und dein Kind, Maria, seid etwas ganz Besonderes. Ihr seid gesegnet, Maria.“

„So, und jetzt solltest du dich stärken. Du hast einen weiten Weg hinter dir. Vielleicht würde dir eine Hühnersuppe gut tun.“

Hühnersuppe! Hühnersuppe bedeutet Gefahr! Okay, jetzt Nerven bewahren, keine Panik, ganz cool über den Hof laufen, ab durch die Hecke und hinter dem Olivenbaum links unter den großen Busch – geschafft.

Heike Nied