Zacharias

Es geschehen seltsame Dinge in dieser Zeit! Wirklich seltsame Dinge! Und nicht nur mir.
Oh, ich glaube, ich habe ganz vergessen mich vorzustellen. Ich bin Scari. Also eigentlich heiße ich Scari und bin ein Pillendreher Käfer. Kennt ihr nicht? Kein Wunder!
Wir Pillendreher-Käfer sind in Vergessenheit geraten. Aber damals, damals hatten wir einen großen Namen! Das muss hier mal gesagt werden. Wir galten als Glücksbringer – damals. Apropos „damals“, da war ich ja eigentlich stehen geblieben. Habt ihr Lust, mich in meine Zeit zu begleiten? Ja? Prima, dann macht euch fertig für unsere kleine Zeitreise. Gut festhalten! Es geht ungefähr 2020 Jahre zurück. Nach Israel. Bis Weihnachten dürft ihr dort mit mir und meinen Freunden unterwegs sein. Ihr werdet sehen, dort geschehen seltsame Dinge in diesen Tagen. Ganz seltsam! Also dann Abflug….

…und schwupp, schon sind wir in Jerusalem. Hier wohne ich, im Tempel. Im Allerheiligsten. Das ist ein ganz besonderer Platz. Die Priester kommen nur einmal im Jahr hierher um zu beten. Ansonsten bin ich hier immer ganz ungestört. Bis heute…

Ich werde von Schritten geweckt. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Schließlich können die Priester ja nicht ins Allerheiligste fliegen, wenn sie zum Beten kommen. Auch, wenn ich mir das manchmal wünschen würde. Dann könnte ich nämlich auch an diesem besonderen Tag ein bisschen länger schlafen.
Aber diese Schritte kenne ich nicht. Also mache ich ganz langsam und vorsichtig die Augen auf. Die Morgensonne kitzelt mich an der Nase und ich erkenne Zacharias. Was macht der denn hier?
Ihr müsst wissen Zacharias, ist wirklich ein armer Tropf. Besser gesagt er ist ein armer alter Tropf. Seit Jahren wartet Zacharias, der Priester. Er wartet, dass das Los auf ihn fällt und er endlich einmal zum Beten hier ins Allerheiligste kommen darf. Jahrelang ist das nie passiert. Na, dann hat Zacharias heute wohl seinen Glückstag.

Und – das bleibt aber unter uns – Zacharias und seine Frau Elisabeth haben jahrelang darauf gewartet ein Kind zu bekommen. Sie haben gebetet und gehofft und gewartet. Aber sie sind immer noch allein. Und jetzt sind die beiden zu alt. Armer alter Tropf!

So und jetzt kommt´s. Stellt euch vor. Zacharias ist jetzt hier im Allerheiligsten. Ganz allein mit Gott – und mir. Er betet, aus tiefstem Herzen. Ich mag das. Das ist so schön. Diese ruhigen Stimmen der Priester, die die Stille durchbrechen.

Und dann plötzlich, wird meine Ruhe gestört. Es wird ganz hell. Heller als hell! Unvorstellbar hell! Hey, das ist jetzt aber keine Morgensonne, die meine Nase kitzelt!

„Zacharias, du wirst schon bald Vater werden. Elisabeth erwartet ein Kind. Ihr werdet einen Sohn bekommen. Nennt ihn Johannes“, sagt eine Stimme, die ich hier noch nie gehört habe. Wer quasselt denn da unserem Zacharias mitten in sein Gebet?
Ich kann einfach nichts erkennen. Ich bin so geblendet von diesem Licht!

„Elisabeth und ich, sollen ein Kind bekommen? Oh darauf haben wir so lange gewartet. Aber jetzt sind wir viel zu alt. Das ist völlig unmöglich. Wir können kein Kind mehr bekommen. Diese Zeiten sind vorbei“, antwortet Zacharias.

„Du glaubst mir nicht, Zacharias?“

„Wie soll ich dir glauben? Das ist unmöglich. Nein, das kann ich nicht glauben! Niemals!“

„Es wird alles so kommen, wie ich es dir gesagt habe. Gott hat mich zu dir geschickt. Weil du nicht glaubst, sollst du stumm sein, bis dein Sohn geboren wird. Kein Wort soll über deine Lippen kommen!“

Ich sage euch, das war eine gewaltige Ansage! Das ging selbst mir durch Mark und Bein. Und wisst ihr was? Von diesem Tag an kann Zacharias nicht mehr sprechen. Kein einziges Wort. Stellt euch das vor. Er geht raus in den Vorhof des Tempels und will den Menschen den Segen zusprechen. Nix! Kein Wort!

Er kehrt nach Hause zurück und wartet stumm viele Tage und Wochen.

Und ihr werdet es nicht glauben! Das Unglaubliche geschieht tatsächlich! Gott schenkt Elisabeth und Zacharias einen Sohn. Da wird es Zacharias klar: Gott hält was er verspricht! Für Gott ist möglich, was für Menschen und Pillendreher-Käfer völlig unmöglich erscheint. Sein Herz ist voller Freude. Er nimmt eine Tafel und schreibt den Namen „Johannes“ darauf und hält sie hoch gen Himmel. Da löst Gott seine Zunge und Zacharias dankt Gott für dieses große Glück.

Es geschehen wirklich seltsame Dinge in dieser Zeit.

Heike Nied