Drei Kamele unterwegs

Drei Kamele traben durch die Wüste. Drei Kamele auf dem Weg nach „Irgendwo“. Eigentlich müsste ich sagen, sechs Kamele. Drei Kamele traben durch die Wüste, drei menschliche Kamele sitzen auf deren Rücken und lassen sich tragen. Ja, ihr habt ganz richtig gehört, drei menschliche Kamele. Oder fällt euch eine treffendere Bezeichnung für drei Schlaumeier ein, die nachts durch ihre Fernrohre in den Himmel schauen, angeblich einen neuen, noch nie dagewesenen Stern entdecken, ihr Bündel und einen Haufen Kostbarkeiten packen, sich auf ihre Kamele schwingen und nach „Irgendwo“ aufbrechen, um einem Stern zu folgen, der sie – und jetzt kommt ́s – zu einem neugeborenen König führen soll. Sechs Kamele, darunter drei menschliche auf dem Weg nach „Irgendwo“ und ich, Ramses, mittendrin.

Seit Tagen traben wir nun schon durch diese unwirtliche Gegend. Was rede ich da, seit Nächten. Denn gereist wird natürlich nur nachts. Logisch, tagsüber hätten die Herren auch beträchtliche Schwierigkeiten ihrem Stern zu folgen. Was gäbe ich darum jetzt in einer ruhigen Oase im Schatten einer Dattelpalme abzuhängen, anstatt im Dunkeln über Stock und Stein zu stolpern. Dass ich so etwas noch erleben muss. Seit Jahren führe ich ein geruhsames Leben. Hin und wieder mal ein kurzer Wüstenritt, ansonsten ein angenehmes Leben im Stall meines Herren, der die meiste Zeit seine Nase in dicke Schriftrollen steckt, mit seinem Fernrohr den Himmel absucht oder Sternbilder auf Pergament malt. Das ist es, womit gelehrte Männer bei uns im Orient normalerweise ihre Zeit verbringen. Mein Herr und seine zwei Reisegefährten sind allerdings nicht nur weise Männer, sie sind auch sehr reich und haben großen Einfluss im Morgenland. Vielleicht würdet ihr sie Könige nennen. Hoffentlich haben die Herren Könige wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon, wo dieses „Irgendwo“ liegt. Wieder einmal stehen wir im Dunkeln an einer Wegekreuzung und warten, bis die Herren beratschlagt haben, ob wohl der Weg ins Tal der richtige ist, oder ob es vielleicht besser wäre doch dem Weg entlang der Hügelkette zu folgen. Ich wäre für Tal. Dort glitzern die Lichter einer großen Stadt. Das verspricht die Möglichkeit einer Verschnaufpause. Sicherlich gibt es dort einen Palast für die drei Schlaumeier und einen gemütlichen Stall für uns Kamele. Wer sagt es denn! Das scheint meine Glücksnacht zu sein! Tal! Die Herren haben sich für Tal und Stadt entschieden, auch wenn der Stern, der uns nach „Irgendwo“ führen soll, nicht ganz im richtigen Winkel zum Weg ins Tal steht. Ein paar Grad zu weit östlich. Gute Entscheidung Jungs, springt einfach mal über euren Schatten. Man muss ja nicht immer alles so genau nehmen. Dieses schmucke Städtchen ist vielleicht nicht „Irgendwo“, aber auf jeden Fall eine Reise wert. Wenn ich kurzsichtiges Kamel das jetzt richtig gelesen habe, haben wir gerade das Stadttor von J e r u s a l e m passiert. Jerusalem? Das habe ich noch nie gehört. Und ich bin schon weit herumgekommen. Von „Noch-nie-gehört“ ist es sicherlich nicht mehr weit bis nach „Irgendwo“.

Ja, wer sagt es denn! Ein kurzer Kamelritt durch die Stadt und schon stehen wir vor einem Palast, der uns sechs Kamelen würdig ist. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf eine gediegene Verschnaufpause freue. Das sieht ja alles sehr vielversprechend aus. Los Männer, macht dem Hausherren eure Aufwartung. Hier sollten wir einchecken. Und los geht ́s!

„Seid gegrüßt, edler Herr, wir kommen von weit her aus dem Morgenland, um den neugeborenen König anzubeten, dessen Stern hell am Firmament leuchtet und der uns viele Nächte lang den Weg hierher gezeigt hat.“

Mann, Mann, Mann jetzt fällt der Schlaumeier doch tatsächlich direkt mit der Tür ins Haus. Dem Hausherrn scheint das gar nicht zu gefallen. Kurzsichtig wie ich bin, bin ich mir nicht sicher ob ihm Angst oder Zorn ins Gesicht geschrieben steht. Oder vielleicht beides? Das war es dann wohl mit dem Einchecken. Der Hausherr zieht sich mit seinem Hofstaat zur Beratung zurück und wir bleiben im Hof allein. Wirklich gut gemacht Jungs! Ganz hervorragend! Großes Kompliment. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass wir großes Glück haben, dass unsere Köpfe noch auf unseren Hälsen sitzen. Ich kann nur hoffen, dass diese Beratung gut für uns ausgeht.

Das sind bange Stunden bis sich endlich die Türen des Palastes wieder öffnen. Das könnt ihr mir glauben. Und was soll ich sagen, der Hausherr ist wie ausgewechselt. Mit zuckersüßem Lächeln und übertriebener Freundlichkeit begrüßt er unsere drei Könige, stellt allerhand Fragen nach dem Stern, dem Woher und dem Wohin und schickt uns schließlich, mit der Bitte nach dem Königskind zu suchen, Richtung Bethlehem, einer kleinen Stadt in Judäa.

Damit ist meine gediegene Verschnaufpause endgültig Geschichte. Bevor ich mein Veto einlegen kann, schwingt sich mein Schlaumei…äh König in den Sattel und wir traben durch das Stadttor in die dunkle Nacht hinaus Richtung Bethlehem. Strahlt unser Stern heute außergewöhnlich hell? Oder ist diese Nacht besonders dunkel? Dieser Stern ist deutlicher zu sehen als je zuvor. Groß und strahlend steht er am Himmel und zieht vor uns her, als wolle er uns tatsächlich den Weg weisen. Sollten die drei Schlaumeier tatsächlich recht haben? Kann es sein, dass ein Stern uns den Weg nach „Irgendwo“ zeigt? Und sollte dieses „Irgendwo“ etwa dieses Bethlehm sein, von dem dieser unangenehme König in Jerusalem gesprochen hat?

Das kann nicht sein. Der feine Herr in Jerusalem hat uns mal ganz kräftig auf den Arm genommen. Wenn das da vorne Bethlehem ist, ist das ganz bestimmt nicht unser „Irgendwo“. Warum sollte ein König in einem solchen Nest geboren werden. Männer, ihr seid noch selten in die Irre gegangen mit eurer Weisheit, aber dieses Mal habt ihr euch geirrt. Macht die Augen auf. Euer Stern steht in einem Nest über einem erbärmlichen Stall! Das macht doch überhaupt keinen Sinn! Wir sind auf dem Weg nach „Irgendwo“ um einen neuen König anzubeten, der hier angeblich zur Welt gekommen ist. Hey Jungs, denkt doch mal nach, wo kommt ein König zur Welt? In einem Palast! Nicht in einem Stall vor den Toren eines Dorfes.

Heike Nied