Die Hirten

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Die Nacht ist still und dunkel hier draußen auf den Feldern vor Bethlehem. Oder besser gesagt, fast still und dunkel. Die tiefen Stimmen der Hirten, die sich am Lagerfeuer ihre Geschichten erzählen, unterbrechen die Stille und ihr Feuer wirft einen leichten, warmen Lichtschein in die dunkle Nacht.
Wie gut, dass ich nicht alleine hier draußen bin. Wir Schafe liegen nachts gerne eng aneinandergekuschelt in der Nähe unserer Hirten. So fühlen wir uns sicher. Ihr müsst wissen, das Leben hier draußen ist nicht gerade ungefährlich. Nicht selten reißen uns das Bellen und Knurren der Hunde und die lauten Schreie der Hirten mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Dann heißt es ruhig bleiben und wachsam sein. Nur nicht in Panik geraten und weglaufen, denn so hätten die Wölfe leichtes Spiel. Ohne die Hirten und ihre Hunde wären wir Schafe hier draußen verloren. In ihrer Nähe können wir uns jedoch sicher und behütet fühlen.
Unsere Hirten sind starke Kerle, die sich von wilden Tieren und Menschen nicht so leicht einschüchtern lassen. Ihre Stöcke sind schon so manchem Wolf zum Verhängnis geworden und haben einigen Schafen das Leben gerettet. Es sind gute Hirten, aber auch raue Kerle, die in Bethlehem nicht gerne gesehen sind. Viele von ihnen haben so einiges auf dem Kerbholz und hatten nicht wirklich viel Glück im Leben. Die Geschichten, die sie sich nachts am Feuer erzählen, während sie von ihrer harten Arbeit ausruhen, erzählen oft von dunklen Momenten und von den Enttäuschungen, die sie erlebt haben. Und ob ihr es glaubt oder nicht, ich habe schon so manche Träne auf der Wange eines dieser rauen Kerle glitzern sehen. Wie sagt man so schön? Harte Schale, weicher Kern!
Ja, wie gesagt, das Leben ist nicht leicht hier draußen. Wir Schafe verbringen viel Zeit auf diesen Feldern, behütet von den Ärmsten der Armen. Da kommt man sich näher. Schließlich sind wir aufeinander angewiesen. Wir brauchen jemanden, der uns beschützt, die Hirten brauchen Arbeit. Und das hier ist meist das Einzige, was diesen armen Außenseitern zu tun bleibt. Die Leute aus Bethlehem vertrauen ihnen zwar ihre Schafe an, die Türen ihrer Häuser würden sie den Hirten aber niemals öffnen.
Und so leben wir hier draußen unser eigenes Leben, wir Schafe und Hirten. Tage voller harter Arbeit, dunkle und stille Nächte, Geschichten am Lagerfeuer, die vom Leben erzählen und von der Hoffnung, dass Gott einen Retter schickt, der unsere Welt ein bisschen besser macht. Ja, ein bisschen Licht und Hoffnung, vielleicht auch ein bisschen Liebe könnten, diese rauen Kerle wirklich gebrauchen.

Heike Nied