Ein Esel auf Herbergssuche

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Vermutlich bin ich der einzig, der hier mehrfach zu Wort kommt. Das steht mir auch zu. Schließlich bin ich der Esel, der mit Maria und Josef den ganzen Weg von Nazareth nach Bethlehem gegangen ist. Das war kein Zuckerschlecken, das kann ich euch sagen. Bergauf und bergab mit Maria und dem ganzen Gepäck auf meinem Rücken. Aber ich bin gelaufen, Schritt für Schritt, ohne zu murren. So sind wir Esel eben. Wir tun, was getan werden muss! Ohne zu fragen, zu diskutieren, zu durchdenken, nach anderen Lösungen zu suchen und uns dabei die Köpfe heiß zu reden. Das ist wohl eher Menschensache.
Und jetzt sind wir hier in Bethlehem. Eigentlich dachte ich, die Lauferei hätte jetzt ein Ende und ich könnte endlich meinen schmerzenden Rücken ausruhen. Aber, was soll ich euch sagen, die Lauferei fängt jetzt erst an! Im „Stop and Go“ durch Bethlehem. So hatte ich mir diesen Abend wahrlich nicht vorgestellt. Nun gut, wir Esel tun, was getan werden muss. Und so folge ich Josef, meinem Herrn, von Tür zu Tür ohne aufzumucken, was man uns Eseln ja so gerne nachsagt. Lange mache ich dieses Spiel jedoch nicht mehr mit. An jeder Tür anklopfen, freundlich fragen, ob es noch einen Platz zum Schlafen für zwei arme erschöpfte Menschen und einen noch ärmeren und erschöpfteren Esel gibt. An jeder dieser Türen empfängt uns ein genervtes Gesicht, macht entweder viele unfreundliche Worte, die letztendlich ein „Nein“ bedeuten oder schlägt uns wortlos die Tür vor der Nase zu. Wann tut hier endlich mal einer, was getan werden muss? Platz ist schließlich in der kleinsten Hütte! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Aber es läuft wie so oft bei euch Menschen: Wegschauen, diskutieren, klein reden, begründen, Köpfe heiß reden….Wie wäre es mal mit handeln? Einfach machen! So wie wir Esel. Wenn ihr mich zur Weißglut bringen wollt, dann macht noch ein ganz kleines bisschen so weiter und ihr werdet erleben, wie dem geduldigsten Esel dieser Welt der Geduldsfaden reißt.
Okay, da ist schon die nächste Tür. „Gasthaus König David“ steht auf dem Schild über dem Eingang. Jetzt mach schon Josef! Nicht aus dem Rhythmus kommen: Anklopfen, vorsichtshalber ein paar Schritte zurückgehen, warten…..und warten…. das dauert wieder…
Ich sage euch, gleich ist mein Geduldsfaden durch. Meine Muskulatur spannt sich an, meine Nüstern blähen sich auf…Wenn jetzt die Tür auf geht und uns wieder ein unfreundliches Gesicht ein noch unfreundlicheres „Nein“ entgegen keift, springe ich!

Heike Nied