Ankunft in Bethlehem

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Was ist nur aus meinem Bethlehem geworden?
Ich liebe diese Stadt. Sie ist mein zu Hause. Hier habe ich meine Jagdgründe und den herrlichsten Ausblick, den es gibt. Es gibt nichts Schöneres als Bethlehem von oben!
Ich genieße es hier oben auf dem Turm zu sitzen und über die Stadt zu schauen. Kleine verwinkelte Gässchen, Plätze, Dächer und Türme. Hin und wieder mal ein paar Menschen die ihres Weges gehen. Und Mäuse. Der Ausblick ist mit Abstand der beste. Ich sitze hier oben, blicke über die Stadt und halte Ausschau nach einem leckeren Mittagessen. Ja es lebt sich nicht schlecht als Turmfalke in Bethlehem. Mein Tisch ist – war immer reich gedeckt. Seit ein paar Tagen sieht das anders aus. Mein Ausblick ist nicht mehr der gleiche! Aus allen Richtungen strömen Menschen in unser beschauliches Städtchen. Die Gässchen und Plätze – meine Jagdgründe – sind voll. Voll mit Menschen. Mäuse wären mir ehrlich gesagt lieber.
Meine fette Beute bleibt jedoch bei diesem Trubel natürlich lieber in ihren sicheren Verstecken. Also bleibt mein Tisch leer. Wenn das so weiter geht, muss ich mein Glück auf den Feldern vor der Stadt versuchen. Leider. Die Landmäuse können einfach geschmacklich nicht an die Stadtmäuse heranreichen. Sie sind zäh und längst nicht so schön fett, wie ihre Kollegen in der Stadt.
Jetzt schau sich doch einer dieses Elend an. Das hört ja gar nicht auf. Von überall her kommen Menschen in der Stadt an und ziehen müde und hungrig durch die Gassen auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen und einer warmen Mahlzeit. Ich fürchte nur, dass einige mein Schicksal teilen werden: Einen leeren Teller und einen hungrigen Magen.
Wenigstens muss ich mir um meinen Schlafplatz keine Gedanken machen. Der ist mir sicher. Den Weg hier herauf werden die Fremden nicht finden.
Ich kann nur hoffen, dass die Einheimischen ihre Türen und Herzen öffnen und den Fremden einen Platz geben, an dem sie ausruhen können. Sollten die Neuankömmlinge nämlich auch noch auf die Felder vor der Stadt ausweichen, bleiben auch die Landmäuse in ihren Löchern. Dann wäre wohl endgültig Fasten angesagt. Das geht gar nicht. Also los, ihr Leute aus Bethlehem, öffnet eure Türen auf und räumt mir meine Jagdgründe frei!

Heike Nied