Zacharias

Warten – Hoffen – Glauben

Ja, ich warte. Ich warte schon lange – vielleicht zu lange?
Und ja, ich hoffe – schon lange. Oder hoffe ich nicht mehr?
Ich glaube. Ja, ich glaube! Oder glaube ich, dass ich glaube?

Ich bin Zacharias.
Priester, Ehemann,
Wartender, Hoffender, Glaubender.

Ich warte – seit Jahren.
Ich warte darauf, dass das Los endlich auf mich fällt und ich das Allerheiligste des Tempels betreten darf, um das Rauchopfer darzubringen und danach den Gläubigen den Segen zuzusprechen.

Ich hoffe.
Wir, Elisabeth und ich, hoffen – haben gehofft – vor Jahren.
Gehofft auf ein gemeinsames Kind – und vor Jahren die Hoffnung verloren.

Ich bin alt.
Gedankenverloren stehe ich im Hof des Tempels und warte.
Ich warte, wie all die vielen Jahre zuvor.

Zacharias – Zacharias!

Zacharias, das ist mein Name.
Der Klang meines Namens reißt mich aus meinen Gedanken!

Zacharias?

Da geht mir ein Licht auf! Das Warten ist vorbei! Hoffnung erfüllt sich!
Heute, jetzt gleich werde ich das Allerheiligste betreten.

Langsam gehe ich die Stufen hinauf und trete ein.
Hier bin ich allein – allein mit Gott.
Ich vollziehe die Rituale und bete.

Zacharias!

Wer ruft hier meinen Namen?

Zacharias, fürchte dich nicht!

Woher kommt diese Stimme. Ich bin hier allein –
allein – mit Gott – und seinem Boten.

Dieses Licht! Viel heller als der übliche Kerzenschein. Und in diesem Licht, gleich hinter dem Altar – ein Engel!

Zacharias, deine Frau Elisabeth, wird einen Sohn bekommen. Er wird dem Herrn vorausgehen und ihm den Weg bereiten. Johannes soll er heißen.

Einen Sohn? Wir? Elisabeth und ich? Wir sind alt – viel zu alt!
Abraham und Sarah – ja, da hat Gott sein Versprechen erfüllt.
Aber bei Elisabeth und mir? Warum?

Kann ich das glauben? Kann ich Gott glauben?
In diesem Moment kann ich es nicht!
Ich bin hier im Allerheiligsten – allein mit Gott und ich kann nicht glauben!

Ich möchte so gerne aus tiefstem Herzen glauben, vertrauen – aber ich kann nicht!

Zacharias, du vertraust mir nicht? Du glaubst nicht?
Dein Sohn wird geboren werden und du sollst ihn Johannes nennen.
Aber bis zu diesem Tag sollst du schweigen.
Schweigen, weil du nicht glauben kannst.

Ich bin wieder allein – allein mit Gott.
Erschüttert, voller Zweifel.

So gehe ich nach draußen.
Ich soll segnen – ohne Stimme, ohne Glauben.

Schweigend kehre ich zu Elisabeth zurück.
Schweigend versuche ich zu verstehen,
zu hoffen, zu glauben.
Jeden Tag ein bisschen mehr.

Die Zeit geht ins Land.
Lässt Wunden heilen, Hoffnung keimen und meinen Glauben wachsen.

An dem Tag, an dem unser Sohn geboren wird und ich die Tafel mit seinem Namen gen Himmel halte, kann ich aus tiefster Seele glauben.

Ja, Gott ist mit uns Menschen!
Ja, für Gott ist nichts unmöglich!
Ja, Gott begleitet uns mit seiner Liebe!

Heike Nied